Selbsthilfegruppen für Angehörige und Betroffene

Was können Selbsthilfegruppen für psychisch Kranke und deren Angehörige leisten?

Terminkalender mit dem Eintrag Selbsthilfegruppe an einem Samstag um 14 Uhr

Bei den regelmäßigen Treffen in einer Selbsthilfegruppe können Informationen ausgetauscht und Freundschaften geschlossen werden.

Wenn Sie sich hilflos und alleingelassen fühlen, können Sie als psychisch Erkrankter oder Angehöriger eines psychisch Kranken in einer Selbsthilfegruppe Rat und Beistand finden. Die Mitglieder der Gruppe sind wie Sie Betroffene und Psychiatrieerfahrene, die für Ihren Kummer, Ihre Fragen und Ihre Probleme großes Verständnis haben. Den sie wissen, was es heißt, psychisch krank zu sein oder Familienmitglieder mit einer psychischen Störung zu betreuen.

Gemeinsam in der Gruppe können schwierige Lebenssituationen und Konflikte bewältigt, Informationen ausgetauscht, gemeinsame Aktivitäten geplant und Freundschaften geschlossen werden. Menschen mit psychischen Störungen fühlen sich oft von der Gesellschaft in eine Außenseiterrolle gedrängt. In einer Selbsthilfegruppe lassen sich Einsamkeit und Isolation leichter überwinden.

Wie viele Selbsthilfegruppen gibt es?
Mit dem Stichwort „Selbsthilfegruppe“ sind im Internet über eine Million Seiten zu finden, die sich mit diesem Thema befassen. Schätzungen gehen von etwa 70.000 bis 100.000 Selbsthilfegruppen allein in Deutschland aus.2 Offenbar ist die Nachfrage nach Unterstützung durch Selbsthilfegruppen riesig.

Wer leitet die Selbsthilfegruppen?

In vielen Selbsthilfegruppen treffen sich sechs bis acht Betroffene oder Angehörige beispielsweise einmal die Woche für anderthalb bis zwei Stunden, um über das zu reden, was sie bewegt. Eine Leitung durch Ärzte, Therapeuten und andere professionelle Helfer gibt es dabei in der Regel nicht. Es kommt aber vor, dass gelegentlich Experten zu bestimmten Fragestellungen hinzugezogen werden. Das hängt vom Interesse und Engagement der Teilnehmenden ab. Manche Angehörigengruppen, die an Kliniken angesiedelt sind, werden zum Beispiel für eine dreiviertel Stunde von einem Arzt oder einer Sozialarbeiterin begleitet; danach ist die Gruppe wieder unter sich.

Wie funktioniert Selbsthilfe in der Gruppe?

Selbsthilfegruppen haben sich seit vielen Jahren gerade bei psychischen Erkrankungen bewährt. Vielleicht fragen Sie sich, wie Selbsthilfe in einer Gruppe funktionieren kann, obwohl die Teilnehmer Laien sind und keine psychotherapeutische Ausbildung haben? Folgende Erklärungsansätze werden in der Fachwelt diskutiert:Lernen von anderen:

    1. Lernen von anderen:

Wir Menschen orientieren uns in schwierigen Situationen gern am Verhalten anderer. In einer Selbsthilfegruppe erfahren Sie zum Beispiel, wie andere Teilnehmer mit ihrer bipolaren Störung im Alltag umgehen. Ihnen wird in der Gruppe eine Vielzahl an Möglichkeiten geboten. Sie müssen sich nur noch das heraussuchen, was zu Ihnen passt.

    1. Heilsamer Dialog:

Viele Betroffene und Angehörige wollen in ihrer Familie oder mit Freunden nicht über ihre Ängste, Gefühle und Sorgen sprechen. Möglicherweise vermeiden Sie ebenfalls solche Gespräche, weil Sie fürchten, die anderen damit zu belasten oder weil Sie sich schämen. Endlich darüber reden zu können und Verständnis zu erfahren, kann für Sie sehr entlastend und heilsam sein.

    1. Neue Sichtweisen:

Oftmals haben wir festgefahrene Einstellungen zu uns selbst und unseren Möglichkeiten, zum Beispiel „Das schaffe ich nie!“ oder „Mich versteht sowieso keiner!“. In Selbsthilfegruppen können Sie die Erfahrung machen, dass Teilnehmer Sie völlig anders wahrnehmen und Ihnen spiegeln: „Das ist doch toll, wie du das machst!“ oder „Wir verstehen dich!“. Auf diese Weise wird ein Perspektivenwechsel möglich, welcher die Handlungsspielräume erweitern kann.

    1. Die Helferrolle:

Teilnehmer in Selbsthilfegruppen machen häufig die Erfahrung, dass sie nicht nur selber Hilfe erfahren, sondern auch anderen helfen können, zum Beispiel denjenigen, die neu in der Gruppe sind. Das eigene Selbstbewusstsein wird dadurch gestärkt und neue Kraft geschöpft, was wiederum den Genesungsprozess fördern kann.

  1. Das Wissen der Vielen:

Ein ganz wichtiger Aspekt ist das umfangreiche Wissen der Betroffenen und Angehörigen, das diese in die Selbsthilfegruppe einbringen. Ob im Internet recherchiert, in Fachbüchern gelesen oder aus eigenem Erleben: In einer Selbsthilfegruppe erhalten Sie vielfältige Informationen über Ihre psychische Störung, über Symptome und Therapien. Je mehr Sie darüber wissen, umso besser können Sie sich orientieren und wieder Kontrolle über Ihr Leben gewinnen.

Sie sind auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe oder wollen selbst eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen? Hier finden Sie Adressen, an die Sie sich bei Ihrer Suche wenden können.

1Robert Koch-Institut (Hrsg.) Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Selbsthilfe im Gesundheitsbereich. Heft 23; Berlin, 2004