Schizophrenie als Angehöriger erkennen

Wie kann ich als Angehöriger eine Schizophrenie erkennen?

Eine an Schizophrenie erkrankte junge Frau sitzt am Tisch und stützt ihren Kopf auf beide Hände. Gezeichnete Monster und Männer, die sie anschreien und auf sie zeigen, symbolisieren ihre Wahnvorstellungen.

Wahnvorstellungen und Stimmenhören können Symptome einer Schizophrenie sein.

Hört Ihr Freund, Partner oder Familienangehöriger Stimmen, die seine Gedanken oder Handlungen kommentieren oder kritisieren? Hat Ihr Angehöriger das Gefühl, als würden ihm fremde Gedanken von außen »eingegeben« oder seine eigenen Gedanken »entzogen«? Glaubt der Betroffene abgehört, kontrolliert oder verfolgt zu werden und ist mit logischen Argumenten nicht davon abzubringen? Dann kann es sich um sogenannte Positivsymptome einer Schizophrenie im akuten Schub handeln. Zu den Positiv-Symptomen gehören Denkstörungen, Wahnerlebnisse, Ich-Störungen, Halluzinationen, innere Erregung und Anspannung (Agitation, Agitiertheit).

Wie äußern sich Denkstörungen und Wahnerlebnisse?

Viele Betroffene können sich schlecht konzentrieren, fühlen sich zerstreut und denken langsamer als sonst. Sie verlieren mitten im Gespräch den Faden oder wechseln plötzlich zwischen verschiedenen Themen, die in keinem Zusammenhang stehen. Manchmal ergeben die Sätze keinen erkennbaren Sinn, neue Wörter werden erfunden. Völlig belanglose Geschehnisse oder Verhaltensweisen von Mitmenschen werden fehlinterpretiert und als bedrohlich oder unheimlich empfunden. Eine Ampel, die von Rot auf Grün umschaltet, ein Räuspern des Nachrichtensprechers oder ein parkendes Auto vor der Tür werden als an sie gerichtete, versteckte Botschaften gedeutet und zum Beispiel als Beweis einer Verschwörung angesehen.

Viele Betroffene leiden unter ihrem Wahn, zum Beispiel dem Verfolgungswahn. Andere, die sich in religiöser oder gesellschaftlicher Hinsicht für eine große Aufgabe berufen fühlen, kultivieren eher ihren Größenwahn.

Was ist eine Ich-Störung?

Bei einer Ich-Störung verschwimmt die Grenze zwischen dem eigenen Ich und der Umwelt. Viele Betroffene fühlen sich ferngesteuert, so wie ein Roboter oder eine Marionette. Andere sind davon überzeugt, unter Hypnose zu stehen oder einem fremden Willen unterworfen zu sein. Sie haben den Eindruck, Außenstehende könnten ihre Gedanken lesen, beeinflussen oder sogar »entziehen«. Dafür verantwortlich machen die Erkrankten meist eine fremde, übermächtige Institution oder Wesen aus dem Weltall, die sich modernster Techniken bedienen.

Manche Patienten sind überzeugt, die Gedanken anderer lesen zu können. Oder sie »hören« ihre eigenen Gedanken als inneres Echo im Kopf. Diese Erlebnisse können Fassungslosigkeit, große Angst und starkes Misstrauen auslösen.

Wie äußern sich Halluzinationen?

Halluzinationen sind Wahrnehmungen, denen kein entsprechender Reiz von außen zugrunde liegt. Die Betroffenen sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen etwas, das real nicht existiert. Am häufigsten treten bei Schizophrenie akustische Halluzinationen auf. Das heißt, der Erkrankte hört Stimmen oder Geräusche, für die es keine äußeren akustischen Reize gibt. Werden die Stimmen als das Wahrnehmen des eigenen Denkens erlebt, spricht man von »Gedankenlautwerden«. Besonders gefährliche Situationen können entstehen, wenn die Stimmen Befehle und Handlungsanweisungen erteilen (auffordernde oder imperative Stimmen). Haben Sie den Eindruck, dies ist bei Ihrem Angehörigen der Fall, sollten er schnellstmöglich in einer Klinik behandelt werden, um einer möglichen (Selbst-) Gefährdung vorzubeugen.

Bei optischen oder visuellen Halluzinationen sehen die Betroffenen Menschen oder Bilder, die nicht vorhanden sind, zum Beispiel erkennen sie ein Monster im Tapetenmuster. Andere nehmen einen bestimmten Geruch oder Geschmack wahr. In den meisten Fällen werden die Trugwahrnehmungen als bedrohlich und unheimlich empfunden und können eine große Belastung für den Betroffenen darstellen.

Als Angehöriger sollten Sie Trugwahrnehmungen keinesfalls bestätigen. Es hat aber auch keinen Sinn, die Halluzinationen auszureden. Gehen Sie in der Familie so normal wie möglich mit dem Erkrankten um und erklären Sie, dass Sie anderer Meinung sind. Vermeiden Sie aber fruchtlose Diskussionen. Geben Sie dem Betroffenen die Sicherheit, zu ihm zu halten und hinter ihm zu stehen.

Wie zeigen sich innere Erregung und Anspannung?

Manchmal wirken an Schizophrenie Erkrankte auf den ersten Blick ruhig und mit sich selbst beschäftigt. Sie scheinen ihre Umwelt kaum wahrzunehmen. Dennoch können sie innerlich stark angespannt und voller Angst sein. Plötzlich kann die passive Haltung umschlagen in große Unruhe und einen übermäßigen Bewegungsdrang (Agitation, Agitiertheit). Agitierte Patienten können nicht mehr still sitzen, laufen ziellos hin und her, zappeln herum, reiben sich die Hände, zupfen an ihrer Bekleidung oder hantieren mit Gegenständen. Fachleute fassen diese Verhaltensweisen unter dem Begriff »gesteigerte Psychomotorik« zusammen. Häufig kommt eine verstärkte Reizbarkeit bis hin zu aggressivem Verhalten und unkontrollierten Wutausbrüchen hinzu. Versuchen Sie in einer solchen Situation Ruhe zu bewahren und Gelassenheit auszustrahlen.

Sorgen Sie auch für eine entspannte Atmosphäre im Raum und beseitigen Sie nach Möglichkeit störende Reize. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, andere Personen aus dem Raum zu bitten. Wenn der Patient sich verletzen könnte oder eine Gefahr für Sie und andere darstellt, sollten Sie nicht zögern, sofort den Notarzt zu rufen. Dieser Spannungszustand kann mit einer entsprechenden Medikation unterbrochen werden.

Mehr zum Thema Agitation und über deren Ursachen, Verlauf und Behandlung lesen Sie hier.

Frühsymptome einer Schizophrenie

Die Schizophrenie kann sich bei jedem Einzelnen anders manifestieren. Zudem können bei demselben Patienten im Verlauf der Erkrankung völlig verschiedene Symptome auftreten. Beginnt die Schizophrenie eher schleichend, lassen sich meist erst im Rückblick bestimmte Auffälligkeiten, die der Erkrankung als sogenannte Frühwarnsymptome vorausgingen, erkennen.

Bestimmte Frühwarnzeichen können auf eine beginnende Schizophrenie hindeuten, insbesondere wenn mehrere Symptome gleichzeitig auftreten. Sie zeigen sich in 75 Prozent der Fälle bereits Monate und Jahre vor einer akuten Episode1. Die Symptome können auch bei bereits Erkrankten vor einem Rückfall, also vor einer erneuten psychotischen Episode, warnen.

Mögliche Frühwarnzeichen

  • Konzentrationsstörungen
  • Abnahme der Leistungsfähigkeit, Leistungsknick
  • Schlafstörungen (Schlaflosigkeit oder exzessives (übermäßiges Schlafen)
  • Zunehmende Geräusch- und Lärmempfindlichkeit
  • Innere Unruhe, Anspannung
  • Übersteigertes Misstrauen
  • Ängste, zum Beispiel geschädigt oder bedroht zu werden
  • Umständliches Denken
  • Gereiztheit, Nervosität
  • Plötzlicher Interessensverlust, Veränderung von Interessen
  • Ungewöhnliche Interessen, zum Beispiel für Übernatürliches, Magie etc.
  • Verstärkt auftretende Probleme in der Familie und mit Freunden
  • Sozialer Rückzug, Abbruch von Kontakten

Die Frühwarnzeichen sind so unspezifisch, dass sie vom Betroffenen und seiner Umgebung meist nicht erkannt und richtig gedeutet werden. Oftmals kommt es zu Problemen in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Familie, weil die soziale Interaktion gestört ist. Den Erkrankten fällt es schwer, auf andere Menschen zuzugehen, Freundschaften zu schließen oder im Team zu arbeiten. Sie sind vermehrt in Konflikte verwickelt und zunehmend misstrauisch gegenüber den Menschen in ihrer Umgebung. Manche sind monatelang in gedrückter Stimmung, können sich schlecht konzentrieren und leiden an Schlafstörungen, andere wiederum klagen über eine zunehmende Geräusch- und Lärmempfindlichkeit.

Bei Verdacht auf eine Schizophrenie frühzeitig zum Arzt

Nicht hinter jeder Verstimmtheit, Interesselosigkeit oder inneren Unruhe steckt eine beginnende Schizophrenie. Möglicherweise handelt es sich um vorübergehende Erscheinungen oder um Reaktionen auf belastende Lebensereignisse. Doch seien Sie wachsam, besonders wenn es sich um einen möglichen Rückfall handeln könnte. Haben Sie den Verdacht, dass sich ein akuter psychotischer Schub anbahnt, sollten Sie Ihren Angehörigen behutsam zu einem Arztbesuch bewegen. Bleiben Sie in Kontakt und bieten Sie Ihre Unterstützung an. Rufen Sie gegebenenfalls den ärztlichen Notdienst, falls eine rasche Verschlechterung eintritt. Nur ein rechtzeitiges medikamentöses Gegensteuern kann den Ausbruch einer Psychose verhindern.

Die Diagnose »Schizophrenie« kann nur von einem Arzt nach eingehender Untersuchung gestellt werden. Denn auch andere psychische Krankheiten kommen als Ursache in Frage. Wenden Sie sich bei einem Verdacht an einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder den Hausarzt. Dieser wird den Patienten gegebenenfalls an einen Spezialisten überweisen.

Adressen von spezialisierten Früherkennungs- und Behandlungszentren in Deutschland finden Sie hier.

1http://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/kurzversion-leitlinien/s3-praxisleitlinien-bd1-schizophrenie.pdf