Schwangerschaft und psychische Störungen

Welche Auswirkungen kann eine Schwanger-schaft auf eine psychische Erkrankung haben?

Schwangere Frau in der Apotheke hält eine Pillendose in der Hand

Bevor man in der Schwangerschaft mit seiner Therapie gegen die psychische Erkrankung fortfährt, sollte man einen Arzt konsultieren.

Möglicherweise sorgen Sie sich als Betroffene mit einer psychischen Störung, dass eine Schwangerschaft Ihnen oder dem Kind schaden könnte. Bei jeder Frau führt eine Schwangerschaft zu vielfältigen körperlichen und psychischen Veränderungen. Die Auswirkungen, zum Beispiel auf eine bestehende Schizophrenie oder bipolare Störung, sind bisher erst wenig untersucht.

Einige Frauen erleben eine leichte Verbesserung ihrer Symptomatik. Andere berichten von einer Verschlechterung, weil sie sich beispielsweise von den Belastungen während der Schwangerschaft überfordert fühlen. Ob erneut Krankheitsepisoden während der Schwangerschaft auftreten, ist vor allem davon abhängig, ob eine bis dahin erfolgreiche Behandlung abgesetzt oder fortgeführt wird.

Welchen Einfluss hat die psychische Störung der Mutter auf die Entwicklung des Kindes?

Diese Frage ist nur schwer eindeutig zu beantworten. Dies liegt unter anderem daran, dass sich die verschiedenen psychischen Störungen in ihren Auswirkungen stark unterscheiden. Als eine der schwersten psychischen Erkrankungen gilt die Schizophrenie.

Über deren Einfluss auf das werdende Leben gibt es Untersuchungen, die ein erhöhtes Risiko für das Kind festgestellt haben. So kann das Geburtsgewicht verringert und die Sterblichkeit des Kindes nach der Geburt erhöht sein.1 Letzteres kann auch zutreffen, wenn der Vater an Schizophrenie erkrankt ist. Die Wissenschaftler machen dafür aber nicht die Gene verantwortlich, sondern vielmehr die schwierigen sozioökonomischen Umstände, unter denen viele an Schizophrenie Erkrankte leben, sowie das Gesundheitsverhalten der Mutter. Es ist bekannt, dass zum Beispiel schizophrene Mütter während der Schwangerschaft häufiger Zigaretten rauchen als psychisch gesunde Mütter.

Medikamente absetzen oder weiter einnehmen?

Grundsätzlich besteht bei einer psychischen Erkrankung immer das Risiko eines Rückfalls (Rezidiv), wenn die Medikation abgesetzt wird. Dies gilt unabhängig von einer Schwangerschaft. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass Frauen mit einer bipolaren Störung, die vor der Schwangerschaft gut auf eine Lithiumtherapie eingestellt und symptomfrei waren, nach der Geburt (12 bis 15 Monate nach dem Absetzen) dreimal so häufig einen Rückfall erlitten wie Nichtschwangere mit einer bipolaren Störung.2 Diese Ergebnisse könnten dafür sprechen, die Therapie aufgrund einer Schwangerschaft nicht zu unterbrechen.

Doch welchen Einfluss haben Psychopharmaka auf das ungeborene Kind? Zahlreiche Studien sind zu diesem Thema durchgeführt worden, teilweise mit widersprüchlichen Ergebnissen. Eine Zusammenstellung der Arzneimittelrisiken in der Schwangerschaft und während der Stillzeit finden Sie für Psychopharmaka und fast eintausend weitere Medikamente auf dem Internetportal des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie der Charité in Berlin. Setzen Sie jedoch auf keinen Fall ohne Rücksprache mit Ihrem Arzt die Medikamente ab!

Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die möglichen Risiken

Nur mit Kenntnis des bisherigen Krankheitsverlaufes kann ein Arzt individuell und in Abstimmung mit Ihnen entscheiden, ob die Medikamente während der Schwangerschaft vorübergehend langsam abgesetzt, die Dosis reduziert oder die Therapie wie bisher fortgeführt werden soll. Dabei sind das Risiko und die möglichen Auswirkungen eines erneuten Krankheitsausbruchs zu bedenken, zum Beispiel Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Schlafmangel oder auch die Gefahr eines verstärkten Nikotin- und Alkoholkonsums. Diese Krankheitssymptome schädigen eventuell das Kind mehr als die niedrigste mögliche Dosis der Erhaltungstherapie dies tun könnte. Unter Nutzen-Risiko-Abwägung ist bei einem hohen Rückfallrisiko daher oft die Fortführung der Therapie mit nur einer Substanz in geringer Dosierung sinnvoller als das vollständige Absetzen der Medikation.

Psychiater und Gynäkologe sollten sich austauschen

Die weitaus meisten Kinder von Eltern mit psychischen Störungen sind gesund. Und psychisch kranke Mütter können ihre Kinder ebenso gut versorgen wie andere Frauen, vorausgesetzt, die Erkrankung ist therapeutisch gut eingestellt beziehungsweise stabil. Wenden Sie sich als Betroffene an Ihren behandelnden Arzt oder Psychiater und lassen Sie sich ausführlich zu Ihrer Schwangerschaft beraten. Auch für den Frauenarzt ist es wichtig, von der psychischen Erkrankung und einer möglichen Therapie mit Psychopharmaka zu erfahren. Im Idealfall sollten sich der Psychiater und Gynäkologe austauschen, um ein gesundheitsschädigendes Verhalten, Anzeichen für einen Rückfall oder Schwangerschaftsprobleme so früh wie möglich zu erkennen.

1Nilsson E, Hultman CM, Cnattingius S, et al. Schizophrenia and offspring’s risk for adverse pregnancy outcomes and infant death. Br J Psychiatry. 2008;193(4):311-5
2Viguera AC, Nonacs R, Cohen LS, et al. Risk of recurrence of bipolar disorder in pregnant and nonpregnant women after discontinuing lithium maintenance. Am J Psychiatry. 2000;157(2):179-84